Die Bahá’í in Deutschland

Beginn und Entwicklung der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland

„O wie glücklich waren die Tage Meines Aufenthalts in Stuttgart, und wie strahlend waren die Zusammenkünfte mit den Freunden. [...] Wann immer ich mich dieser herrlichen Augenblicke erinnere, ist mein Herz und meine Seele von Freude erfüllt.”¹
Zitate zu diesem Thema

Die Idee des Weltfriedens und der Einheit zwischen den Menschen, gleich welcher Herkunft, Religion oder welchen Geschlechts, fand in der deutschen Bahá’í-Gemeinde bereits an der Wende zum 20. Jahrhundert und insbesondere um die Zeit des Ersten Weltkriegs großen Anklang.

Frühe Jahre

1905 zog Dr. Edwin Fischer, ein Deutsch-Amerikaner, von den USA nach Stuttgart – er war damit der erste Bahá’í in Deutschland. Kurz darauf bildete sich eine erste Gruppe von Bahá’í in der Stuttgarter Region. In den folgenden Jahren erschienen die ersten Bahá’í-Schriften auf Deutsch, darunter die „Verborgenen Worte“.

1913 besuchte ‘Abdul’-Bahá Deutschland und rief in öffentlichen Vorträgen und Veranstaltungen zu einem friedvollen und vorurteilsfreien Zusammenleben auf. Viele Menschen fühlten sich davon berührt und angezogen, sodass eine Reihe von örtlichen Bahá’í-Gruppen entstand.

1923 wählten die Bahá’í in Deutschland und Österreich gemeinsam ihr erstes nationales Vertretungsorgan, den Nationalen Geistigen Rat, als eine der weltweit ersten landesweit organisierten Bahá’í-Gemeinden.

Unter dem NS-Regime erlebten deutsche Bahá’í zunächst großes Misstrauen, schließlich kamen direkte Diskriminierungen und Drangsalierungen hinzu, bis die Bahá’í-Religion 1937 verboten wurde. Sämtliche Bestände sowie Bücher und Dokumente wurden beschlagnahmt, Mitglieder der Gemeinde inhaftiert, verhört und zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt.

Wiederaufnahme des Gemeindelebens nach 1945

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnten lediglich die Bahá’í Westdeutschlands ihre Aktivitäten wieder voll aufnehmen. Im Osten Deutschlands galt ab 1948 ein erneutes Organisationsverbot für die Gemeinde, während im Westen die Bahá’í im April 1946 wieder ihren Nationalen Geistigen Rat wählen konnten. Ein Höhepunkt der Folgejahre war die Einweihung des Europäischen Hauses der Andacht im Jahr 1964 in Hofheim-Langenhain im Taunus.

Das UN-Friedensjahr 1986 fand auch in der bundesdeutschen Bahá’í-Gemeinde ein breites Echo mit zahlreichen Vorträgen, Friedensfesten, Andachten und Konzerten. Im selben Jahr veröffentlichte das Universale Haus der Gerechtigkeit eine Friedensbotschaft unter dem Titel „Die Verheißung des Weltfriedens“. Sie war – auf der Grundlage der Schriften Bahá’u’lláhs – ein Aufruf an die Führer der Welt, den Krieg für alle Zeiten zu verbannen. Die Schrift wurde mit vielen Menschen geteilt und auch deutschen Würdenträgern wie Willy Brandt und Johannes Rau überreicht.

Lebendige Gemeinde in einem geeinten Deutschland

Der Mauerfall 1989 wurde auch zu einer Wende in der deutschen Bahá’í-Geschichte. Das noch formell bestehende Verbot wurde im Frühjahr 1990 durch den Ministerrat der DDR aufgehoben. Nunmehr gab es wieder eine geeinte Bahá’í-Gemeinde in Deutschland. Die Bildung von Örtlichen Geistigen Räten begann mit der Wahl in Leipzig, wo bereits vor dem Krieg eine rege Bahá’í-Gemeinde bestand.

Seit den 90er Jahren engagieren sich Bahá’í-Gemeinden zunehmend im interreligiösen Dialog und in anderen in der Öffentlichkeit diskutierten Themen wie Gleichberechtigung, soziale Fragen, Religionsfreiheit oder Integration.

Das Europäische Haus der Andacht in Hofheim-Langenhain entwickelte sich zum Ort der interreligiösen Begegnung. In seinem Schatten machte sich das „Forum Langenhain‘‘ seit den 1990er Jahren für über zwei Jahrzehnte als öffentlicher Gesprächsraum in der Nachbarregion einen Namen. Seit 1995 wird dort auch das heute noch jährlich stattfindende „Bahá’í-Sommerfest“ gefeiert, das weit über tausend Menschen aus nah und fern anzieht. Der Chor „Stimmen Bahás“ kann bis zum heutigen Tag bundesweit viele Mitwirkende für sich gewinnen.

Nach der Jahrtausendwende

Das Europäische Haus der Andacht wurde mehrfach zum Ort bundesweiter Begegnungen über Menschenrechte, Religionsfreiheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau oder Antirassismus.

Im Jahr 2013 wurde der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland durch das Land Hessen der Rechtsstatus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen.

Heute leben rund 6000 Bahá’í in vielen Städten und Gemeinden Deutschlands. Sie sind als Gruppen oder Gemeinden in der Bahá’í-Gemeinde in Deutschland K.d.ö.R. organisiert und wählen ihre Vertreter in regelmäßigen Abständen. Zu den wichtigsten Aktivitäten lokaler Gemeinden und Gruppen zählen: Andachtsversammlungen, Jugendarbeit, Kinderklassen, Studienkreise und Gemeindeaktivitäten wie das Neunzehntagefest oder Bahá’i-Feiertage.

Auf bundesweiter Ebene ist die Bahá’í-Gemeinde in Deutschland Mitglied beim „Abrahamischen Forum“, „Runden Tisch der Religionen“, dem „Forum Menschenrechte“, dem „Deutschen Menschenrechtsfilmpreis“ und im Trägerverein des „Deutschen Instituts für Menschenrechte“.

Angehörige der deutschen Bahá’í- Gemeinde engagieren sich in ihren Nachbarschaften mit Freunden und Bekannten für ein offenes, friedliches und solidarisches Miteinander. Sie nehmen an verschiedenen gesellschaftlichen Diskursen teil, wie z.B. über Menschenrechte, Abbau von Vorurteilen und Rassismus, Migration, Naturschutz.

Quellennachweise

[1] ʻAbdu’l-Bahá, aus einem Brief vom 6. März 1913