Der Báb (1819-1850)

Der Báb, Vorbote der Bahá’í-Religion

Sein Leben ist eines der großartigsten Beispiele von Mut, das die Menschheit zu betrachten das Vorrecht hatte …1

Mit der Verkündigung des „Báb“ (dt. „Tor“) am 23. Mai 1844 begann eine neue Ära der Religionsgeschichte. Seit Jahrhunderten erwarteten Menschen der verschiedensten Religionen einen „Tag Gottes“, an dem Friede und Harmonie auf Erden errichtet würden. Der Anbruch dieses Tages wurde durch zwei kurz aufeinanderfolgende Gottesoffenbarer, den Báb und Bahá’u’lláh verkündet. Ihre Offenbarungen setzten jene Kräfte frei, welche die für diese Verheißung notwendige Umgestaltung der Gesellschaft bewirken können. Im Jahr 2019 werden Millionen Menschen weltweit den 200. Jahrestag der Geburt des Báb feiern.

Offenbarung

Der Báb wurde am 20. Oktober 1819 in Schiras (Iran) mit dem Namen Siyyid ‚Alí-Muhammad geboren. Schon als Kind zeigte sich, dass Er mit angeborenem Wissen begabt war. Im Alter von 25 Jahren verkündete Er Seine Sendung als Gottesoffenbarer und Herold eines neuen Zeitalters – dieses Ereignis wird auch als „Erklärung“ des Báb bezeichnet.

Zu dieser Zeit bestand in verschiedenen islamischen Glaubensrichtungen die Erwartung eines Verheißenen. Unter den Führern entsprechender Bewegungen Persiens war der Gelehrte Siyyid Kázim, der in der Stadt Karbilá lebte. Dieser weihte sein Leben der Aufgabe, seine Schüler auf das Kommen des von den Schiiten erwarteten 12. Imams, des „Qá’im“ (dt. „Er, der sich erhebt“), vorzubereiten.

Einer seiner herausragendsten Schüler war Mullá Husayn, der sich nach dem Tod seines Lehrers in die Stadt Schiras begab, um dort den erwarteten Verheißenen zu suchen. Am Vorabend des 23. Mai 1844 wurde Mullá Husayn von einem außergewöhnlichen jungen Mann angesprochen, der ihn in Sein Haus einlud. Der Gastgeber offenbarte Sich in der darauffolgenden Nacht Mullá Husayn als der „Báb“, als „Tor zu Gott“. In heiligen Versen legte Er dar, dass Er der Verheißene sei, Dessen Kommen seit langem (empfohlene Schreibweise) herbeigesehnt worden sei. Gleichzeitig kündigte Er das baldige Kommen einer noch größeren Offenbarung an, die sich über Persien hinaus an die ganze Menschheit wenden würde. Die Bábi-Religion war geboren, die später in der Bahá’í-Religion aufgehen sollte.

Unmittelbar nach Mullá Husayn erkannten noch siebzehn weitere Sucher unabhängig voneinander den Báb und Seine Sendung. Dieser bezeichnete Seine ersten Anhänger als die achtzehn „Buchstaben des Lebendigen“. Er sandte sie aus, die frohe Botschaft zu verbreiten und die Menschen auf das baldige Kommen Bahá’u’lláhs vorzubereiten. Unter den „Buchstaben des Lebendigen“ war auch Táhirih, eine außergewöhnliche Dichterin und Frauenrechtlerin, die als erste Frau Persiens öffentlich als Zeichen der vom Báb verkündeten Gleichberechtigung von Mann und Frau ihren Schleier ablegte. Sie war es auch, die 1848 auf der Konferenz von Badascht (Iran) ausrief, dass nunmehr die Trennung vom Islam vollzogen sei.

Sein weiteres Wirken

Die Botschaft vom Anbruch eines neuen Zeitalters der Religion Persiens verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter Theologiestudenten, Gelehrten und der breiten Bevölkerung Persiens. Seine fortschrittlichen und für die damalige Zeit revolutionären Lehren – z.B. mehr Rechte für Frauen, allgemeine Schulbildung, Auflösung des Klerus – stellten einen heftigen Bruch mit der alten islamischen Ordnung dar.

Der Báb wurde in der Folge wiederholt an verschiedene Orte Persiens verbannt, was jedoch nur dazu führte, dass sich der Ruhm Seiner Lehren und Sein gewaltiges Ansehen noch schneller verbreiteten. Von Seiner ersten Verbannungsstation in Isfahan musste er nach Täbris reisen, von wo aus Er in die Festung Máh-Kú im heutigen Aserbaidschan deportiert wurde. Dort offenbarte Er den „Persischen Bayán“, das wichtigste Seiner Werke. Hierin kündigte Er unmissverständlich das Kommen einer weiteren Offenbarung an, die größer als Seine eigene sein würde und rief Seine Anhänger dazu auf, „Ihn, den Gott offenbaren wird“ (Bahá’u’lláh) zu suchen. Der Bayán enthielt außerdem die Grundlagen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung für Persien.

Nach einer weiteren Verbannung in die Festung Chihríq verkündete der Báb schließlich im Jahr 1848 in Täbris gegenüber dem versammelten Klerus:

Ich bin, Ich bin, Ich bin der Verheißene! Ich bin Der, dessen Namen ihr seit tausend Jahren anruft, bei dessen Erwähnung ihr euch erhebt, dessen Kommen zu erleben ihr ersehnt und um dessen Offenbarung ihr Gott bittet, dass Er ihre Stunde beschleunige…2

Die Hinrichtung des Báb

Nachdem der Báb diesen Anspruch erhoben hatte, trachtete der schiitische Klerus danach, Seinen Einfluss endgültig auszulöschen. Schließlich ordnete der durch den Klerus aufgewiegelte Premierminister Persiens die Hinrichtung des Báb an. Am 9. Juli 1850 erlitt der Báb zusammen mit Seinem getreuen Begleiter Anís in Täbris unter dramatischen Umständen den Märtyrertod. Drei Regimente zu je 250 Mann eröffneten auf einem Kasernenhof das Feuer auf die beiden mit Seilen angebundenen Männer. Als sich der Rauch verzog, war der Báb vor den Augen der gewaltigen Menge von Zuschauern verschwunden. Er wurde schließlich unverletzt in Seiner Zelle vorgefunden, wo Er eine zuvor begonnene Unterredung mit Seinem Sekretär beendete. Der mit der Hinrichtung beauftragte Kommandant Sám Khán war hiervon so erschüttert, dass er mit seinen Soldaten den Kasernenhof verließ. Ein anderes Regiment musste herbeigerufen werden, das die Hinrichtung durchführte.

In der Folgezeit wurden mehrere zehntausend Gläubige auf gemeinsames Betreiben des schiitischen Klerus und der weltlichen Herrscher Persiens auf grausame und qualvolle Weise hingerichtet – unter ihnen auch die meisten der achtzehn „Buchstaben des Lebendigen“. Zahllose weitere Anhänger des Báb wurden gefoltert, verbannt oder enteignet.

Das kurze Leben des Báb war geprägt von großem äußerlichem Leid, aber auch von unermesslicher geistiger Herrlichkeit. Seine letzte Ruhestätte am Bahá’í-Weltzentrum in Haifa ist für die Bahá’í – nach dem Schrein Bahá’u’lláhs – einer der heiligsten Orte der Welt und jedes Jahr ersehntes Ziel für eine große Anzahl von Pilgern.

Die Ankündigung der Offenbarung Bahá’u’lláhs

Der Báb ließ über Seine ganze Offenbarung hinweg keinen Zweifel daran, dass Er nur der Vorläufer einer noch größeren Offenbarung sei. Diese Prophezeiung erfüllte sich 1853, als Bahá’u’lláh Seine Berufung zum Gottesoffenbarer für dieses Zeitalter erfuhr. Somit dauerte die Sendung des Báb nur neun Jahre. Doch sie setzte die notwendigen geistigen Kräfte frei, um die ganze Menschheit auf die Botschaft Bahá’u’lláhs vorzubereiten.

Dass eine so kurze Zeitspanne diese machtvolle, wunderbare Offenbarung von Meiner Mir vorausgegangenen Manifestation getrennt hat, ist ein Geheimnis, das kein Mensch enträtseln, und ein Mysterium, das kein Geist ergründen kann.3

Quellennachweise

    1. zitiert in: Nabils Bericht, Bd. 3, S. 531, Fußnote 104

    2. Nábils Bericht aus den frühen Tagen der Bahá’í-Offenbarung, Hofheim-Langenhain 1975, S. 344

    3. Bahá’u’lláh, zitiert in: Shoghi Effendi, Die Weltordnung Bahá’u’lláhs #183