Interreligiöser Dialog

Religionen haben sich in der Geschichte der Menschheit als integrierende Kraft erwiesen. Menschen unterschiedlichster Kultur und Bildung wurden unter ihrem jeweiligen Dach vereint. Andererseits zählen die Religionen zu den hartnäckigsten Friedensstörern, weil Endgültigkeits- und Exklusivitätsansprüche den Blick für ihre Gemeinsamkeiten verstellen und Feindbilder entstehen lassen. Wo sich Religionen abschotten, entsteht religiöser Fanatismus.

"Alles Erhabene", heißt es in den heiligen Schriften der Bahá’í, "kann zu bösen Zwecken missbraucht werden." Jede Religion könne dem Guten wie dem Bösen dienen und pervertiert werden. "Wenn die Religion zu Streit und Hass führt, wäre es besser, es gäbe keine." Bahá’u’lláh, der Religionsstifter der Bahá’í, betont, dass Religion "Liebe, Eintracht und Frieden unter den Menschen stiften" und als "Werkzeug der Einheit" wirken solle. Er rät seinen Anhängern, mit den Anhängern aller Religionen "im Geiste des Wohlwollens und der Brüderlichkeit" zu verkehren.

Anlässlich der Feier des hundertjährigen Bestehens der deutschen Bahá’í-Gemeinde im Jahr 2005 sagte der damalige Innenminister Otto Schily: "Die Religionsgemeinschaft der Bahai bringt sich seit Jahrzehnten in beispielhafter Weise in das gesellschaftliche Leben Deutschlands ein."

 

Ziele und Motive des Dialogs

In einer immer globaler werdenden Welt mit zunehmenden Migrationsströmen haben die Religionen eine besondere gemeinsame Verantwortung. Durch eine gemeinsame Anstrengung der Religionen kann in unserer pluralistischen Gesellschaft Zusammenhalt erreicht werden, der vom gleichgültigen Nebeneinander zu einem konstruktiven Miteinander, von Abschottung zu gegenseitiger Bereicherung führt.

Die Bahá’í-Gemeinde möchte in diesem Annäherungsprozess als Katalysator wirken und den Dialog der Religionen fördern. Sie tritt dafür ein, aus der Vielfalt unterschiedlicher Kulturen und Religionen ein Maximum an gemeinsamen Werten zu schöpfen. Sie schlägt der zivilen Gesellschaft vor, individuelle Freiheit und Selbstbestimmung, Aufklärung und Demokratie nicht noch weiter von religiöser Wertevermittlung zu entkoppeln, sondern das Wagnis des Dialogs, ja der Versöhnung mit Religion einzugehen.

Nach dem Glauben der Bahá’í gilt es heute, ausgrenzende Absolutheitsansprüche aufzugeben und den gemeinsamen Ursprung aller Religionen zu erkennen. Das geht über Toleranz im Sinne einer "Duldung des Andersgläubigen" weit hinaus. Es gilt, den eigenen Überlegenheitsanspruch, den Glauben an die Alleingültigkeit der eigenen Wahrheit zu überwinden. Damit werden Unterschiede nicht geleugnet, die Religionen nicht gleich gemacht, sondern vielmehr eine Grundlage dafür geschaffen, sich auf gleicher Augenhöhe zu begegnen.

Die Generalsekretärin des Nationalen Geistigen Rates der Bahá’í in Deutschland, Nicola Towfigh, betont, dass "Offenheit und Aufrichtigkeit" Voraussetzungen des Dialogs sind. Sie spricht von einer "Haltung des Lernens und des Respekts", welche den Dialogpartnern helfe, nicht nur ihr Wissen über die Glaubenssätze anderer Religionen zu vertiefen, sondern auch tiefer in die Lehre ihres eigenen Glaubens einzudringen: "Auf diese Art und Weise kann der Dialog zu einer echten Bereicherung und einem gemeinsamen Erkenntnisweg werden…"

Vor diesem Hintergrund fördert nicht nur der Nationale Geistige Rat der Bahá’í in Deutschland den interreligiösen Dialog auf institutioneller Ebene. Es engagieren sich auch viele lokale Gemeinden und einzelne Bahá’í in ihrem jeweiligen Umfeld.

 

Am Runden Tisch der Religionen

Seit 1998 ist der Nationale Geistige Rat der Bahá’í in Deutschland am Runden Tisch der Religionen vertreten, einer Einrichtung auf Bundesebene mit Repräsentanten der evangelischen, der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche, der DITIB, des Islamrates und des Zentralrats der Muslime, des Zentralrats der Juden sowie der Deutschen Buddhistischen Union und des Nationalen Geistigen Rates der Bahá’í, vertreten durch Nicola Towfigh. Der Runde Tisch veranstaltet jedes Jahr einen Tag der Religionen in wechselnden Städten Deutschlands und bezieht Stellung zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen.

Runder Tisch der Religionen in Deutschland: www.religionsforpeace.de

 

Interkultureller Rat und Abrahamisches Forum

Seit 1999 arbeitet die deutsche Bahá’í-Gemeinde mit dem Interkulturellen Rat in Deutschland zusammen. Seit 2006 ist sie mit Armin Eschraghi als vierte abrahamitische Religion - neben Judentum, Christentum und Islam - auch beim Abrahamischen Forum vertreten. Der Vorsitzende des Interkulturellen Rates, Jürgen Micksch, erläutert, dass für die Bahá’í Abraham nicht allein ein "Vorbild im rechten Glauben" sei, sondern "ausdrücklich als Gottesbote ("Offenbarer"), als von Gott Erwählter sowie als Stammvater späterer Religionsstifter" gelte.

Die Bahá’í unterstützen unter anderem die Arbeit der Abrahamischen Teams, die auch von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert wurde. Diese eingespielten, drei- bis vierköpfigen Teams, bestehend aus kompetenten Mitgliedern der abrahamitischen Religionen, stehen in erster Linie für Diskussionen in Schulklassen zur Verfügung, können aber auch von anderen Veranstaltern eingeladen werden.

Interkultureller Rat in Deutschland: www.interkultureller-rat.de

 

Beispiele Berlin und Stuttgart

Im Alltagsleben entscheidet sich besonders auf der Ebene der Städte und Gemeinden, wie sich das Miteinander entwickelt. In Berlin etwa sind die Bahá’í Teil eines großen interreligiösen Netzwerks, waren an der Einrichtung eines Raums der Stille im Brandenburger Tor beteiligt und bringen sich in das von der Überparteilichen Fraueninitiative Berlin initiierte Transkulturelle und Interreligiöse Lernhaus für Frauen ein.

Wie der Vorsitzende des Interkulturellen Rates, Jürgen Micksch, erklärt, habe sich gezeigt, "dass religiöse Gemeinden nur selten zu interreligiösen Veranstaltungen einladen. Hier scheinen Vorurteile und Ängste noch besonders verbreitet zu sein. Diskussionen in religiösen Gemeindevorständen führen häufig dazu, dass sich manche Mitglieder dezidiert und emotional gegen interreligiöse Dialoge aussprechen." Es sei daher besonders eine Aufgabe von staatlichen Stellen, Kommunen, gesellschaftlichen Einrichtungen und Stiftungen, die Durchführung interreligiöser Veranstaltungen zu fördern.

Neu sind in diesem Zusammenhang die kommunalen Einrichtungen von Runden Tischen und Räten der Religionen. So wurde 2003 nach dem Vorbild des Runden Tischs der Religionen in Deutschland auf Initiative des Stuttgarter Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster der Runde Tisch der Religionen in Stuttgart ins Leben gerufen. Das Gremium hat einen offiziellen Charakter und vertritt sieben Stuttgarter Kirchen und Religionsgemeinschaften. Die sieben Gründungsmitglieder, darunter auch der Geistige Rat der Bahá’í in Stuttgart, können sich zugleich auf ein Manifest stützen, das von 25 Religionsgemeinschaften unterzeichnet wurde.

2006 hat auch die Stadt Köln einen Rat der Religionen eingerichtet, in welchem rund 20 Religionsgemeinschaften vertreten sind. Seit 2008 gibt es einen vergleichbaren Rat der Religionen in Frankfurt am Main. In beide Räte bringen sich die Bahá’í mit ihren Vorschlägen und Ideen ein.

Die Stuttgarter Bahá’í-Gemeinde lädt regelmäßig zu interreligiösen Veranstaltungen wie dem unter der Schirmherrschaft der Landeshauptstadt stehenden Weltreligionstag ins Rathaus ein, oder beteiligt sich an gemeinsamen Projekten wie dem von der Christlich-Islamischen Gesellschaft Region Stuttgart getragenen Fest der Religionen, an welchem unter anderem auch die DITIB-Moscheegemeinde und die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs beteiligt sind.

Bahá’í-Gemeinde Stuttgart: stuttgart.bahai.de

Arbeitsgemeinschaft der Kirchen und Religionsgemeinschaften in Berlin (AKR): www.akr-berlin.de

 

Dialog auf örtlicher Ebene

Viele einzelne Bahá’í und rund die Hälfte der Bahá’í-Gemeinden in Deutschland sind derzeit auf die eine oder andere Weise interreligiös aktiv und an interreligiösen Gesprächsgruppen, Arbeitskreisen und Foren beteiligt. Als Mitglied bei Abrahams Rundem Tisch beteiligt sich beispielsweise die Bahá’í-Gemeinde Hildesheim an den Tagen der offenen Tür bei Juden, Christen und Muslimen und gestaltet das jährliche Interkulturelle Frauenfrühstück im Hildesheimer Rathaus mit. Auch künstlerische Projekte, wie die gemeinsame Gestaltung eines Tunnels mit religiösen Symbolen in Bremen, werden unterstützt.

Abrahams Runder Tisch, Hildesheim: www.abrahams-runder-tisch.de

 

Förderung des interreligiösen Diskurses

In einer Reihe von deutschen Städten wirken die Bahá’í auch bei Religions for Peace (früher WCRP) mit, eine international tätige Organisation, auf deren Initiative auch der Runde Tisch der Religionen in Deutschland zurückgeht. Regelmäßig sind die Bahá’í auch mit eigenen Beiträgen bei interreligiösen Tagungen wie dem Nürnberger Forum vertreten. Auch bei Organisationen wie inter religion(e)s - Forum für religiöse Bildung oder der deutschen Sektion der United Religions Initiative - einem weltweit tätigen interreligiösen Netzwerk - sind Repräsentanten der deutschen Bahá’í-Gemeinde beteiligt.

Nürnberger Forum: www.nuernberger-forum.uni-erlangen.de

United Religions Initiative in Deutschland: www.uri-deutschland.de

 

Spirituelle Begegnungen

Neben diesen überwiegend inhaltlich orientierten Aktivitäten gibt es auch eine Vielzahl spiritueller Begegnungen der Religionen. So gibt es vielerorts Angebote, die Feste anderer Gemeinschaften zu besuchen. Von Kommunen herausgegebene Interreligiöse Festkalender sind hierbei sehr hilfreich. Bei in Gotteshäusern stattfindenden Gebeten der Weltreligionen und multireligiösen Lesungen rezitieren oder singen die Repräsentanten der Religionen nacheinander Gebete ihrer heiligen Schriften in der jeweiligen Tradition.

Während andere Religionen mit religionsübergreifenden Gottesdiensten oft Probleme haben, ist dies bei den Bahá’í bereits gängige Praxis. In den gemeinschaftlichen Andachten ihrer Gotteshäuser, den Häusern der Andacht, wird grundsätzlich aus den heiligen Schriften aller Offenbarungsreligionen vorgetragen. In vielen Städten Deutschlands wurden solche spirituellen Begegnungen daher auch von Bahá’í initiiert.

In einer im November 2007 erschienenen Publikation des Runden Tisches der Religionen in Deutschland (herausgegeben von Franz Brendle) mit dem Titel "Gemeinsam beten? Interreligiöse Feiern mit anderen Religionen" erläutert Towfigh die theologischen Hintergründe für diese Offenheit der Bahá’í. So sei das Gottesbild immer durch die menschliche Erkenntnisfähigkeit beschränkt und verweise nach dem Glauben der Bahá’í auf den Ursprung aller Religionen, der das Ziel jeglicher Anbetung sei.

Interreligiöser Kalender "Feste der Religionen": www.feste-der-religionen.de

Franz Brendle (Hrg.): "Gemeinsam beten? Interreligiöse Feiern mit anderen Religionen", Hamburg 2007, ISBN 978-3-93691-271-5