Sonntag, 13. Juni 2010

„Yarán, we think of you“

Berlin, 13. Juni - Am Samstag machte ein Zusammenschluss verschiedener Menschenrechtsaktivisten auf das Schicksal der sieben führenden Bahá’í im Iran aufmerksam. Vor dem Brandenburger Tor schickten sie Worte der Solidarität und des Mitgefühls in den Iran. Daran waren auch Bahá’í beteiligt.

Aktion am Brandenburger Tor am 12. Juni 2010 - dem 4. Verhandlungstag der im Iran inhaftierten iranischen Bahá'í-Führungsriege

Aktion am Brandenburger Tor am 12. Juni 2010 - dem 4. Verhandlungstag der im Iran inhaftierten iranischen Bahá'í-Führungsriege

„Für Menschenrechte im Iran“, „Yarán, we think of you!“ oder „We are with you, Iranians“ - diese auf Deutsch und Englisch geschriebenen Worte sollen um die Welt gehen. Insbesondere im Iran sollen sie gelesen werden. So werden an diesem Samstagnachmittag auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor, da, wo ansonsten sich Touristengruppen, Kleinkünstler und Passanten aufhalten, ein Meter hohe, aus Styropor geschnittene Buchstaben still in die Kameras gehalten.

 „Ich finde es sehr wichtig, dass die Welt diesmal nicht zu Menschenrechtsverletzungen schweigt“, sagt der Bahá’í Marcel Marien, einer der Mitorganisatoren der Aktion, die für Aufmerksamkeit sorgt. Immer wieder bleiben Touristen stehen, Medienvertreter machen Aufnahmen, Passanten mischen sich unter die Beteiligten. „Wie wäre die Geschichte anders verlaufen, wenn vor siebzig Jahren die Welt in Richtung Deutschland geschaut hätte?“, fragt er. „Wenn die Iraner selbst nicht sprechen können, dann müssen wir es eben tun.“ Und das Brandenburger Tor bietet dafür als ein Symbol für die friedliche Vereinigung der beiden deutschen Staaten die perfekte Kulisse.

So ist das ebenfalls in die Kameras gehaltene Wort „Unity“, „Einheit“, mehr Feststellung als Forderung, denn schon längst ist klar, dass über die Geschehnisse im Iran insbesondere durch die neuen, digitalen Medien zeitnah und ungefiltert berichtet wird. Dies wollen nun die Organisatoren vor dem Brandenburger Tor umkehren und Botschaften der Solidarität und des Mitgefühls in den Iran senden.

„Das ist sehr wichtig, denn die Iraner sollen wissen, dass die Welt bei ihnen ist in ihrer Forderung nach Freiheit“, sagt Lutz Bucklitsch von dem weltweiten Menschenrechtsnetzwerk United4Iran, das maßgeblich an der Organisation dieser friedvollen und kreativen Aktion beteiligt war. Koordiniert wurde dieser „Global Day of Action“ mit Hilfe der Webseite 12june.org, die über ähnliche Menschenrechtsaktionen aus über achtzig weiteren Städten in der Welt berichtet. Wie Amnesty International und Human Rights Watch rief im Vorfeld auch die Internationale Bahá’í-Gemeinde zur Unterstützung auf. Lutz Bucklitsch und seine Mitstreiter laden bereits seit Langem regelmäßig zu stillen Mahnwachen vor dem Brandenburger Tor ein. An diesem 12. Juni arbeiten sie mit Mitgliedern aus der Bahá’í-Gemeinde in Berlin und vielen weiteren Menschenrechtsaktivisten für den Iran zusammen.

Dieser Tag ist für die Bahá’í in zweierlei Hinsicht bedeutend. Einerseits markiert er den Jahrestag der umstrittenen Wahl von 2009, in deren Folge auch vermehrt Bahá’í festgenommen wurden. Angeblich hätten sie die Unruhen nach der Wahl mitgeschürt, was diese aber strikt von sich weisen, auch mit dem Hinweis auf den gewaltfreien Charakter der Lehren ihres Religionsstifters Bahá’u’lláh. Er war selbst über Jahrzehnte hinweg ein Gefangener des persischen und osmanischen Reiches. Andererseits findet an eben diesem Tag die vierte Verhandlung im Prozess gegen die sieben Mitglieder des ehemaligen Bahá’í-Führungsgremiums im Iran statt. Die fünf Männer und zwei Frauen werden auch die Yarán genannt, die Freunde im Iran, deren Aufgabe es war, die sozialen und geistlichen Angelegenheiten der über 300.000 Mitglieder starken iranischen Bahá’í-Gemeinde zu leiten.

Dies geschah zwar informell, da die demokratische Wahl eines eigenen Nationalen Geistigen Rates der Bahá’í im Iran seit 1983 verboten ist, jedoch seit Jahren mit Wissen der Regierung. Insofern entbehren die Anklagen der Regierung, die sieben Bahá’í seien unter anderem Spione und hätten gegen die islamische Ordnung verstoßen, jedweder Begründung. Das hinderte die Regierung aber nicht daran, im Mai letzten Jahres selbst diese informellen Gremien der iranischen Bahá’í-Gemeinde zu verbieten.

Die überaus harten Haftbedingungen der Yarán im Teheraner Evin-Gefängnis und ihr bislang den internationalen Standards widersprechender Prozess waren denn auch Motivation, auf dem Pariser Platz eine drei mal zwei Meter kleine Zelle nachzubilden. Dies entspricht exakt der Fläche, auf der die beiden weiblichen Mitglieder der Yarán, Fariba Kamalabadi und Mahvash Sabet, seit über zwei Jahren ohne Tageslicht und unter äußerst schlechten Bedigungen inhaftiert sind. Die Internationale Bahá’í-Gemeinde fordert daher die sofortige Freilassung der Bahá’í, wenigstens eine Freilassung gegen Kaution bis zum Ende des Prozesses.

Auch der iranische Exil-Politiker Dr. Mehran Barati beteiligt sich an diesem Aktionstag. „Ich stehe hier für die Bürgerrechte aller Iraner und heute insbesondere für die Rechte der Bahá’í“, sagt er. „Ohne erkennbaren Grund ist ihre Führung inhaftiert, allein, weil sie Bahá’í sind.“ Schon morgen könne dies andere religiöse Minderheiten treffen, so Sunnis, Juden, Christen oder Zoroastrier. „Deswegen stehe ich hier für die Rechte aller Iraner.“ Auch Lutz Bucklitsch betont, dass es darum gehen muss, die iranische Regierung an ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen zu erinnern. „Der Iran ist Vertragsstaat der UN-Menschenrechtscharta. Daran muss er sich messen lassen.“

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