Der Wille der Bahá’í in Ivel ist ungebrochen
Genf, 11. Juli 2010 - Rund vier Wochen nach der Zerstörung von fünfzig Häusern in der nordiranischen Provinz Mazandaran werden weitere Hintergründe des Überfalls bekannt. Am 22. Juni wurden in dem Dorf Ivel in der am Kaspischen Meer gelegenen Provinz die Häuser von Bahá’í mit schwerem Gerät dem Erdboden gleichgemacht. Die Häuser waren nur zur Erntezeit bewohnt, da die Bewohner bereits viele Jahre zuvor vertrieben worden waren. Nun wurde die langjährige Verfolgungsgeschichte der Bahá’í in dieser Region bekannt.

Ivel, Iran
In Ivel gibt es Bahá’í seit mehr als 150 Jahren. Seit der Entstehung der Bahá’í-Religion in der Mitte des 19. Jahrhunderts machten die Bahá’í etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Dorfes aus, dessen Menschen vor allem von der Landwirtschaft leben. Die meiste Zeit davon gestaltete sich das Zusammenleben mehr oder minder harmonisch. Gestört wurde das Miteinander lediglich von Außenstehenden, die der Bahá’í-Religion feindlich entgegenstanden, und die lokale Bevölkerung bisweilen einzunehmen versuchten. Dies führte gelegentlich zu geringfügigen Formen von Verfolgung.
1941 wurde es für einige Bahá’í jedoch lebensbedrohlich, als Schlägertrupps die lokale Bevölkerung anstachelten, die Bahá’í anzugreifen. Bahá’í wurden verhaftet, zusammengeschlagen und gezwungen zu fliehen. Ihre Häuser und Besitztümer wurden geplündert. Schließlich wurden sie in ein Dorf sieben Kilometer außerhalb verbannt. Als die Situation sich einige Monate später entspannte, kehrten die Bahá’í in ihre Häuser und Gehöfte zurück.
Ein Vorfall aus den fünfziger Jahren illustriert das groteske Ausmaß der Feindseligkeiten gegen die Bahá’í: Ein Mitglied der damals neu gegründeten Hojjatieh-Gesellschaft zog ins Dorf. Die Hojjatieh-Gesellschaft ist eine mehr oder minder verschwiegene, traditionelle Shia-Organisation, die aus der Überzeugung ins Leben gerufen wurde, dass die unmittelbarste Bedrohung des Islam die „Abtrünnigkeit“ der Bahá’í sei und die Bahá’í-Religion daher ausgerottet werden müsse. Da es dem Mann nicht gelang, einen Keil zwischen Muslime und Bahá’í zu treiben, setzte er alles daran, dass wenigstens deren Kühe nicht auf der gleichen Wiese grasten, da das Vieh der Bahá’í „unrein“ sei. Ein paar Tage lang mussten also die Kühe der Bahá’í im Stall bleiben, während die Kühe der Muslime zum Grasen gingen. Die Bahá’í wandten sich in dieser Angelegenheit mehrfach an den Ortsvorsteher und baten ihn darum, Mitleid mit den Tieren zu haben. Daraufhin erging der Erlass, dass die Kühe wenigsten von entgegengesetzten Seiten auf die Wiese geführt werden sollten. Dies entsprach freilich nicht den Instinkten der Tiere, die weiterhin zusammen grasten.
Trotz dieser Schikanen wirkten die Bahá’í aktiv daran mit, das Leben im Dorf zu verbessern. Neben ihrer produktiven Arbeit in der Landwirtschaft bauten sie auch eine Schule für die Kinder des Ortes auf und unterrichteten sie ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit. Im Jahre 1946 begann die iranische Regierung ebenfalls, Schulen auf dem Land aufzubauen. Als im Dorf Ivel eine staatliche Schule gegründet werden sollte, unterrichtete die Dorfschule bereits rund 120 Schüler in sechs Klassen sowie weitere sieben Schüler aus den umliegenden Dörfern.
Im Jahr 1961 errichteten die Bahá’í schließlich eine Badeanstalt und modernisierten den örtlichen Wasserspeicher, um die Hygiene und damit die Gesundheit der Bewohner zu verbessern.
Nach der islamischen Revolution von 1979 verschlechterte sich die Lage der Bahá’í in Ivel zusehends. Grundstücke wurden beschlagnahmt und Versuche, sie wiederzuerlangen, scheiterten. Bahá’í wurde der Zugang zu Krankenhäusern sowie zu anderen Einrichtungen, die sie selbst mitbegründet hatten, versagt. Muslimische Kinder wurden von ihren Lehrern ermutigt, ihre Bahá’í-Klassenkameraden zu schikanieren. Als Eltern protestierten, fand der Lehrer andere Mittel und Wege, die Bahá’í-Schüler zu verfolgen. Beispielsweise dadurch, dass er sie bei den Klassenarbeiten durchfallen ließ.
Die Bahá’í wurden aus ihren Häusern vertrieben und in die nächstgelegene größere Stadt, nach Sari transportiert. Als sie eintrafen, wurden sie von den Behörden jedoch wieder zurückgeschickt. Als sie nach Ivel zurückkehrten, wurden sie in der Moschee dort eingeschlossen. Mehr als 130 Bahá’í, darunter Kinder und Alte, wurden drei Tage lang ohne Essen und Trinken in der Moschee eingesperrt. Als der Druck, ihrem Glauben abzuschwören, keine Wirkung zeigte, wurde ihnen erlaubt, nach Hause zu gehen. Noch am gleichen Abend wurden sie jedoch von den Dorfbewohnern angegriffen. Manche wurden vom Mob mitgenommen, andere wurden verletzt und weitere waren gezwungen, sich in einem nahegelegenen Wald zu verstecken. Seit dieser Zeit leben viele Bahá’í-Familie aus Ivel in der Nähe und kommen nur im Sommer in ihr Dorf zurück, um ihr Gemüse anzupflanzen, zu ernten und sich um ihr Land zu kümmern.
„Wir mussten jedes Mal oder jedes Jahr, wenn wir für zwei oder drei Tage in unsere eigenen Häuser gehen wollten, Genehmigungen von der Behörde einholen“, berichtet Natolie Derakhshan, ein Bahá'í aus Ivel, in einem kürzlichen Interview mit dem persischsprachigen Radio Farda.
In den letzten drei Jahren musste die Internationale Bahá’í-Gemeinde eine Zunahme des Drucks auf die Bahá’í von Ivel feststellen. Ziel war es, sie zu zwingen, die Region ganz zu verlassen. „Ihre leerstehenden Häuser wurden in Brand gesetzt, Bahá’í wurden verbal und körperlich angegriffen und der einhundert Jahre alte Bahá’í-Friedhof wurde konfisziert. Er wurde als Bauplatz für Wohnhäuser verkauft“, sagte Diane Ala'i, Sprecherin der Internationalen Bahá'í Gemeinde bei den Vereinten Nationen in Genf.
„Es wurden zahlreiche Beschwerden auf allen Ebenen eingereicht, aber generell stoßen diese Eingaben auf Gleichgültigkeit. Die Behörden sagen, dass sie wenig gegen die Anfeindungen der Bewohner vor Ort tun können“, berichtete sie weiter. „Mitwisserschaft über die Zerstörungen oder über die Motive der Täter wurde von den Beamten vor Ort in allen Fällen abgestritten.“
„Was wir in Ivel und der Region Mazandaran beobachten, ist Teil einer großangelegten Kampagne, die Bahá’í zu demütigen und einzuschüchtern, um sie schließlich davon abzuhalten, ihren Glauben zu praktizieren“, sagte Diane Ala'i. „Die Regierung hat jedenfalls bislang demonstriert, dass sie entweder nicht in der Lage ist zu helfen oder nicht helfen will, falls sie nicht selbst dahinter steckt.“
Als Natoli Derakhshan in den letzten Wochen Gerüchte hörte, dass die Bahá’í-Häuser im Dorf zerstört werden sollen, ging er mit anderen Bahá’í zu mehreren Behörden um herauszufinden, ob dies wahr sei. „Es wurde uns gesagt, dass wir uns keine Sorgen machen brauchen und dass dies nicht passieren wird. Wir haben ihnen geglaubt“, sagte er gegenüber Radio Farda. „Wir wissen nicht, ob die Zerstörungen angewiesen wurden. Wir wissen nur, dass alles vollkommen zerstört wurde.“
Es gibt jedoch auch viele Bewohner Ivels, die durch die aktuellen Ereignisse beunruhigt sind. In einem Interview mit Rooz-Online erwähnte Natoli Derakhshan Nachbarn, die ihre Betroffenheit und Bestürzung über die Behandlung ihrer Bahá’í-Nachbarn zum Ausdruck brachten. „Viele muslimische Dorfbewohner saßen mit Tränen in den Augen mit uns zusammen, entschuldigten sich bei uns und hielten uns an den Händen. Wir sind ihnen so dankbar!“
Die Zerstörungen in Ivel waren auch Thema bei der am vergangenen Donnerstag im Deutschen Bundestag abgehaltenen Debatte über Religionsfreiheit. Der menschenrechtspolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Volker Beck, meinte am 8. Juli während der Plenardebatte: „Am 22. Juni 2010, also vor wenigen Wochen, wurden 50 Häuser von Bahá’í im Iran zerstört. Der Prozess gegen die zwei Frauen und fünf Männer des Nationalen Geistigen Rats der Bahá’í läuft. Sie sitzen ein, und zwar nur dafür, dass sie einer Religionsgemeinschaft angehören, die dem iranischen Regime nicht passt, weil sie nach ihrer Ansicht mit dem Islam nicht konform zu bringen ist. Vieles aus der Liste der Diskriminierungen und der Verfolgung der Bahá’í im Iran erinnert daran, wie in den ersten Jahren des Dritten Reiches gegen die Juden vorgegangen wurde. Kein bürgerliches Recht auf Erbe, auf Besitz, auf Schulbesuch, auf Freiheit und auf den Schutz von Leib und Leben ist für die Bahá’í im Iran garantiert.“
Auch die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte aus Frankfurt am Main erklärte am 30. Juni 2010 zu den Gewaltakten: „Die Verfolgung von Minderheiten im Iran erreicht damit einen weiteren Höhepunkt. Das Regime von Präsident Ahmadinedschad fördert die Intoleranz und Auschreitungen gegen die Baha’i.“
