Mittwoch, 17. Februar 2010

Bahá’í stellen bei der UN-Kommission für soziale Entwicklung ihr Modell zur Entscheidungsfindung vor

Vereinte Nationen, 18. Februar (BWNS) – Aus Anlass der 48. Sitzung der UN-Kommission für soziale Entwicklung vom 3. bis 12. Februar 2010 in New York stellte die Internationale Bahá’í-Gemeinde eine Stellungnahme vor, in der sie ein neues Leitbild der Entscheidungsfindung zwischen Menschen verschiedener Kulturen entwirft. Unter dem Titel "Transforming Collective Deliberation: Valuing Unity and Justice" stellen die Bahá’í ihre Erfahrung mit der Methode der Beratung vor, die in den Bahá’í-Gemeinden auf der ganzen Welt angewandt wird. Sie ist ein entscheidender Faktor beim Schaffen von Einheit zwischen Menschen, da sie die Integration „in der Übergangszeit zu einer neuen sozialen Ordnung“ fördert, wie es in der Stellungnahme heißt.

Ming H. Chong aus Singapur vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in New York

Der Prozess der Beratung basiert auf dem Einvernehmen, dass alle Menschen ihrem Wesen nach edel erschaffen wurden. Sie "besitzen Vernunft und Gewissen, wie auch die Fähigkeit zu verstehen, mitzufühlen und sich für das Wohl aller einzusetzen."

Ming H. Chong aus Singapur trug vor der Kommission als Bahá’í-Delegierter eine Zusammenfassung der Stellungnahme vor. Er meinte, dass die Überzeugung, wonach alle Menschen gute Anlagen in sich tragen, dazu führe, andere nicht als bedürftig abzutun, sondern sie als verantwortlich für ihre eigene Entwicklung anzusehen. "Wenn man dieses Verständnis voraussetzt, gewinnt man eine andere Perspektive und meidet Bezeichnungen wie ‚marginalisiert’ oder ‚arm’."

Herr Ming erläuterte, dass er selbst als Kind mit seinen Eltern nach Singapur kam und dass er dort lernen musste, wie solche Bezeichnungen ein falsches Bild von ganzen Bevölkerungsgruppen schaffen. "Die Sprache formt unser Denken", zeigte er sich überzeugt. "Sie schafft mentale Bilder, wie wir die Welt betrachten. Manche dieser Bilder sind nicht immer positiv, wie beispielsweise solche, die Einwanderer entmenschlichen."

In der Stellungnahme wird stattdessen das Bild von der Menschheit als ein Körper herangezogen. "Innerhalb des menschlichen Organismus arbeiten Millionen von Zellen mit einer Vielfalt an Formen und Funktionen zusammen, um menschliches Leben zu ermöglichen. Jede Zelle leistet ihren Beitrag, um den Körper gesund zu halten", heißt es in der Stellungnahme. "Dieses Bild kann genutzt werden, um sich die Völker der Welt als eine menschliche Familie vorzustellen und zu verstehen, wie jede Kultur einen Teil zum Funktionieren des Ganzen beiträgt", sagte Ming H. Chong. Entsprechend wird in den Beratungen, die in den Bahá’í-Gemeinden angewandt werden, der Vielfalt von Ansichten und Beiträgen einzelner Bahá’í einen großen Wert beigemessen.

"Auffassungen von Menschen zu berücksichtigen, die früher aus dem Prozess der Entscheidungsfindung ausgeschlossen waren, vergrößert nicht nur den Fundus intellektueller Ressourcen, sondern fördert auch Vertrauen, Zusammenhalt und gegenseitige Verbindlichkeit für gemeinsames Handeln", heißt es in der Stellungnahme.

Ein entscheidendes Merkmal einer Bahá’í-Beratung ist, dass eingebrachte Ideen der Gruppe gehören, nicht einem Einzelnen. "Loslösung von eigenen Positionen oder Meinungen bezüglich eines diskutierten Gegenstandes ist zwingend notwendig – sobald eine Idee geäußert wurde, gehört sie nicht mehr demjenigen, der sie geäußert hat, sondern wird zu einer Ressource, die von der Gruppe angenommen, angepasst oder verworfen wird", so die Stellungnahme.

Jedoch reicht die Vielfalt an Meinungen allein nicht aus. Sie "stellt kein Mittel dar, um Unterschiede zu überbrücken oder soziale Spannungen abzubauen", heißt es. "In der Beratung ist der Wert der Vielfalt untrennbar mit dem Ziel der Einheit verbunden. Dies ist keine idealisierte Einheit, sondern eine Einheit, die Unterschiede würdigt und danach strebt, sie durch einen Prozess geregelter Beratung zu transzendieren", heißt es weiter. "Es ist die Einheit in der Vielfalt."

Die UN-Kommission für soziale Entwicklung ist damit beauftragt, die beim UN-Weltgipfel für soziale Entwicklung 1995 in Kopenhagen formulierten Prinzipien einer neuen „Gesellschaft für alle“ weiterzuverfolgen. Sie ist eine Fachkommission des Wirtschafts- und Sozialrats (ECOSOC) der Vereinten Nationen. Die 48. Sitzung in New York diente dazu, den strategischen Rahmen ihrer Arbeit von 2011 bis 2013 zu beraten.

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