Zum 100. Geburtstag von Dizzy Gillespie am 21.10.2017

Ein Rückblick auf sein „Eine Welt“ Konzert Ostberlin-Moskau–Prag im Mai 1990 zur Wiedervereinigung Deutschlands und Ost-West-Begegnung

Dizzy Gillespie (eigentlich John Birks Gillespie), der als einer der größten Jazzmusiker aller Zeiten gilt, wäre am 21. Oktober 2017 100 Jahre alt geworden. Er wurde bereits in den 1970er Jahren Bahá’í und zählte zu den weltweit bekanntesten Anhängern der Bahá’í-Religion. Der Deutschen Bahá’í- Gemeinde blieb er unvergessen durch sein „Eine Welt – Benefizkonzert“ vom 9.-11. Mai 1990 – wenige Jahre vor seinem Tod 1993.

In der Zeit eines historischen Umbruchs – nicht nur in Deutschland – wurde das Konzert unter der Schirmherrschaft von Willy Brandt und zugunsten dessen Stiftung „Frieden und Entwicklung“ durch die Deutsche Bahá’í- Gemeinde organisiert. Die Tournee begann im „Palast der Republik“ in Ostberlin, unter der Anwesenheit von Frau Bergmann-Pohl, dem ersten und letzten frei gewählten Staatsoberhaupt der DDR des Jahres 1990. Vor dem Konzert bestieg Dizzy Gillespie einen der letzten noch stehenden und für die Öffentlichkeit abgesperrten Mauerreste am Brandenburger Tor. Ingo Hofmann, einer der Mitorganisatoren der Tournee, erinnert sich: “Dizzy wollte unbedingt auf den Mauerrest klettern – als Zeichen des Triumphs der Freiheit über totalitäre Herrschaft. Die erforderliche Sondergenehmigung von „ganz oben“ erhielten wir mit einigen Mühen“. Bei der anschließenden Pressekonferenz sagte er: „Die Ereignisse in Osteuropa zeigen, wieviel Energie in der Macht des menschlichen Geistes liegt, und wie er ohne Waffen und sinnloses Töten über totalitäre Systeme siegt. Ich bin glücklich über diese Vereinigung, denn der Bahá’í- Glaube lehrt uns, dass die ganze Erde ein Land ist und alle Menschen seine Bürger“.

Dizzy Gillespie und Begleiter (Nodi Rafat, Koordinator der Tournee, als dritter von links) auf einem der Mauerreste am Brandenburger Tor.

Das Konzert in Moskau stand unter der Schirmherrrschaft von Raissa Gorbatschowa und fand vor einem großen Publikum aus der Moskauer Kultur- und Musikszene sowie Politik statt. Zuvor eine Pressekonferenz, bei der u.a. auch die weltweite Umweltzerstörung thematisiert wurde, ferner ein Besuch des Lenin-Mausoleums am Roten Platz.

Vor dem Lenin-Mausoleum am Roten Platz mit Bahá‘i-Team und weiteren Teilnehmern.

Das Konzert im ausverkauften Prager Kulturpalast fand  in Anwesenheit von Staatsoberhaupt Vaclav Havel und seiner Gattin Olga Havel statt, die auch die Schirmherrschaft übernahm. Auch die damalige US-Botschafterin Shirley Temple war zugegen. Er unterbrach sein Konzert mit der Botschaft:

„Dieses Konzert ist der Idee der `Einen Welt´ gewidmet. Es wurde initiiert  von der Internationalen Bahá’í-Gemeinde, die für das Ziel der Einheit der Menschheit und den Weltfrieden arbeitet. Hunger, Unterdrückung und – seit kurzem – die Umweltzerstörung überschreiten die traditionellen Grenzen zwischen den Nationen, Rassen und Religionen. Bahá’u’lláh sagt `Die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger´. Frieden und soziale Gerechtigkeit sind der unteilbare Schatz der gesamten Menschheit. Es gibt nur eine Welt oder keine“,

die zu minutenlangem Beifall  führte.

Dizzy Gillespies Botschaft „Es gibt nur eine Welt oder keine“ in Prag

Die Botschaft der „Einen Welt“ und des Zusammenwachsens der Menschheit war für Dizzy Gillespie genauso eine Herzensangelegenheit wie der „Bebop“ – die neue Richtung des Jazz, als deren prominenteste Figur er gilt. Die Idee für dieses Benefizkonzert entstand  während eines früheren Benefizkonzerts zugunsten der Stiftung „Frieden und Entwicklung“ im Jahr 1986 in Duisburg, als sich Willy Brandt und Dizzy Gillespie in gegenseitiger Bewunderung begegneten.

Willy Brandt und Dizzy Gillespie bei einem Konzert in Duisburg 1986

Hofmann weiter: „1990 war für die meisten Menschen der Gedanke der ‚Einen Welt‘ noch eine visionäre Idee. Das hat sich seitdem dramatisch geändert. Die Botschaft Bahá’u’lláhs von der ‚Einheit der Menschheit‘ weist heute – über ein Vierteljahrhundert später – in eine Richtung, die immer mehr Menschen für unverzichtbar halten.“